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Hans Norbert Janowski über:
Horst A. Bruder: SchwereLos. Aphorismen. Düsseldorf: Edition Virgines 2025. 64 S., € 15.-.
„Der Schuss, der nach hinten losgeht, trifft.“ – So schwerelos, wie sie sich geben, glaubt man diesen Aphorismen das schwere Los, das auf ihnen liegen soll, nur schwerlich. Horst A. Bruder ist bekannt dafür, das meist scharfe, oft ambivalente Ausdruckspotenzial aphoristischen Sprechens mit dem herkömmlichen Werkzeug von Dialektik, Antagonismus, Polarität, Kontradiktion, Paradox, Wortspiel und Chiasmus so behände zu handhaben, dass Leichtigkeit und Knappheit sich flüssig verbinden.
Der Bankfachmann gehört zu den Wenigen, die in der Kunst der Kleinen Form kompetent mit Geld umgehen können.: „Niemand macht sein Vermögen selbst.“ Oder: “Das Gerücht prägt die Wahrheit des Spekulanten.“ Und: „Schuldner kennen einen Tilgungsplan – Schuld nicht.“ Schließlich: „Werte verzichten auf Gegenwerte.“
Darin zeigt sich, wie schwierig Geld und Moral zu einander stehen, ja einander ersetzen: „Der Schätzwert hat die Wertschätzung abgelöst.“ Hier wird nicht gewertet, nicht bedauert oder empfohlen. Bruder zeigt, dass der Aphoristiker gut daran tut, menschliches Verhalten genau zu beschreiben, seine Menschlichkeit, Brutalität und Gemeinheit, seine Widersprüche und Verlegenheiten klar zu konturieren. So kann Verstehen zu Orientierung und Urteil führen: „Wunsch: Leben und leben lassen – Wirklichkeit: Leben und Leben lassen. – Auf seine Meinung kann sich verlassen, wer sie ändert. – Wer sein Leben für etwas einsetzt, muss es bewahren. – Lieber verachtet als verächtlich werden. – Die Bitte ist ein Akt der Souveränität.“ Und: „Die Verzeihung ist der Gnade überlegen:“ Die apodiktische Aussage hat in der aphoristischen Kürze den Charakter einer Behauptung, die auf Beobachtung fußt, sie wird zur Versuchsanordnung für Beobachtungen.
Philosophie und Religion, Politik, Psychologie und Ästhetik sind die Problemfelder, denen Bruder sich besonders mit eigenwilligen Fragen öffnet: „Die Wahrheit verzweifelt an der Objektivität:“ – Ja; denn sie ist subjektiv, aber auch das ist für viele nicht frei von Zweifeln. Eine andere Pointe dürfte vielen Zeitgenossen näher sein: „Das Verstehen signalisiert eine Humanität, die das Begreifen nicht kennt.“ Denn: „Logik erkennt Weisheit nicht.“ Andererseits: „Gewissheit scheut den Beweis.“ – Darin steckt schon fast ein Essay.
Einige markante Aphorismen konzentrieren sich auf die Dimension der Erfahrung: „Wer Erfahrungen sammelt, macht keine.“ – Über den inneren Prozess weist Erfahrung aber auch hinaus: „Über diesem Himmel gibt es noch etwas, an das wir nicht zu glauben wagen“ – eine Transzendenz offenbar, die sich auch dem Glauben kaum erschließt. Über eine solche äußerste Erfahrung (die sich dem Glauben als Paradox des Weltgerichts öffnet) sagt der Aphoristiker: „Vor dem Jüngsten Gericht ist Gott unser Verteidiger.“ Dem steht ein anderes Paradox gegenüber: „Christus ist für viele gestorben“ – einerseits ein trauriger Tatbestand, andererseits die Mitte des christlichen Glaubens.
Auf dem politischen Feld bleibt Bruder beim Allgemeinen; wobei besonders die machtlose Teilhabe im Vordergrund steht: „Nach der Wahl sind 3 Kreuze angebracht. – Wähler mischen die Karten, Politiker heben ab.“ Aber: „Macht unterschätzt die Wirkung der Ohnmacht.“ – In dieser Einschätzung spricht sich geradezu ein jesuanischer Reflex aus.
Hier befinden wir uns schließlich auf dem Gelände der politischen und sozialen Psychodynamik: „Wer seinen Gefühlen ausweicht, verliert seinen Verstand. – Die Schmerzfreiheit ist eine psychische Krankheit. – Die Übertreibung ist ein Hilferuf des Unbeachteten. – Im Kompliment nistet Eigenlob.“ – Feine Beobachtungen, denen auch ein ästhetisches Pendant entspricht: „Dem Licht des Fortschritts fehlt das Spektrum.“
Horst A. Bruder nutzt die kurze Form des Aphorismus, um der feinen, scharfen und zugleich anteilnehmenden Beobachtung eine prägnante Ausdrucksform zu verschaffen: kritisch in der unmittelbaren Bedeutung des Unterscheidens, Abwägens und der empathischen Anteilnahme. Die Ironie liegt ihm weniger, Humor fehlt diesem genauen Blick nicht: „Nonnen verschleiern ihr Leben.“ Oder: „Alle Falten sind jünger als ihre Träger.“ – Wem sagt er das!
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